Aufruf

Keine Zukunft für Ostpreußen. 

Am 17. und 18. Mai findet auf dem Kasseler Messegelände unter dem Motto „Ostpreußen hat Zukunft“ das „Deutschlandtreffen der Ostpreußen“ mit eigener „Großkundgebung“ in der Rothenbach-Halle statt. Die „Deutschlandtreffen“ werden alle drei Jahre an wechselnden Orten von der Landsmannschaft Ostpreußen ausgerichtet, welche sich als „Interessenverband der geflüchteten und vertriebenen Ostpreußen“ versteht. Ihr erklärtes Ziel ist es, Ostpreußen als Teil des historischen Deutschlands im Bewusstsein des „deutschen Volkes“ zu verankern. Betrauert wird die Vertreibung aus den „deutschen Ostprovinzen“, die als „in ihrer Dimension einzigartiges Verbrechen der Neuzeit“ aufgebauscht wird.

 

Geschichte der Deutschlandtreffen

Das erste Deutschlandtreffen der Ostpreußen fand schon wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs statt. Am 10. Juli 1949 füllten über 5.000 Vertriebene die Niedersachsenhalle in Hannover bis auf den letzten Platz, während weitere, geschätzt 15.000, sich davor versammelten. Ziel war es, eine Grundlage der Vernetzung ostpreußischer Vertriebener in Deutschland zu schaffen.

Neben allerlei Reden, Vorträgen und kultureller „Brauchtumspflege“ präsentieren im Rahmenprogramm der Deutschlandtreffen zahlreiche Aussteller ihre Großdeutschland-Devotionalien und „ostpreußische Spezialitäten“, die jedes Vertriebenenherz höher schlagen lassen. Man schaut sich gemeinsam Fotos und Videos von ostpreußischen Städten, Wäldern, Seen und Elchen an und verliert sich in einer Mischung aus Heimweh und Selbstmitleid. Die regelmäßigen Treffen dienen dabei nicht nur der Vernetzung und Festigung der Struktur nach Innen, sondern auch der eigenen Rückbesinnung auf die verlorene Heimat. In großer Gemeinschaft soll für die ihrer Heimat beraubten BesucherInnen die Möglichkeit geboten werden, auch in Deutschland unter Gleichgesinnten zu sein, sich endlich wieder als Ostpreußen zu fühlen.

Das letzte Deutschlandtreffen fand im Jahr 2011 in Erfurt statt und lockte etwa 15.000 Personen in die dortigen Messehallen. Zu ihren besten Zeiten vermochte die Landsmannschaft weit über  200.000 BesucherInnen (1966) zu mobilisieren. Wichtigstes Medium der Landsmannschaft ist die von ihr herausgegebene, neurechte Preußische Allgemeine Zeitung.

 

Organisierter Geschichtsrevisionismus

In einem Anflug infantiler Engstirnigkeit suchen die Vertriebenen die Schuld an der eigenen Vertreibung zunächst bei anderen und machen sie bei den Alliierten aus. Diese werden im Geschichtsbild der Landsmannschaft Ostpreußen zu „imperialistischen Eroberern“ umgedeutet, die dem „deutschen Volk“ sein rechtmäßiges Eigentum entrissen hätten. Gegenstand dieses vermeintlichen Diebstahls ist keine beliebige Sache sondern das, was den Deutschen schon immer das Heiligste war: ihre Heimat. Man sieht sich dabei selbst in einer Reihe mit jenen, die aufgrund nationalsozialistischer Rassenideologie verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Die Kriegsschuld Deutschlands wird verschwiegen oder geleugnet. Konkret beziehen sie sich dabei auf bekannte Geschichtsrevisionisten wie Gerd Schultze-Rhonhof, der als Autor des Buches „Der Krieg, der viele Väter hatte“, versuchte, eine Mitschuld Polens und Großbritanniens am 2. Weltkrieg zu konstruieren. Schultze-Rhonhof wurde für seine Bemühungen, eine alternative Geschichtsschreibung zu etablieren, die wesentlich besser mit dem Weltbild der Vertriebenenverbände harmoniert, mit dem Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen gewürdigt. Konsequent wird in ihrem Geschichtsbild ausgeblendet, dass die ostpreußische Bevölkerung keineswegs unbescholtene BürgerInnen waren, über die das Unheil der Vertreibung aus heiterem Himmel herein brach. Kein Wort verliert, die Landsmannschaft beispielsweise über die zahlreichen Außenlager des KZ Stutthof oder das Massaker am Strand von Palmnicken, bei dem die SS kurz vor Kriegsende mehrere Tausend Häftlinge ermordete. Die Versenkung der Wilhelm Gustloff durch die Rote Armee, bei der zahlreiche ostpreußische Vertriebene ums Leben kamen, zu thematisieren, wurde man indes nicht müde.

 

Politische Forderung

Die Landsmannschaft Ostpreußen wurde wie die meisten anderen landsmannschaftlichen Verbände kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs von geflüchteten oder umgesiedelten BewohnerInnen der ehemals deutschen Ostgebiete gegründet, um sowohl ihre sozialen als auch politischen Interessen zu organisieren.

Die politische Agenda wurde in den Anfangsjahren noch von der Forderung der Angliederung Ostpreußens an Deutschland dominiert, begründet wurde diese Forderung bewusst nicht mit “wirtschaftlichen, historischen oder nationalpolitischen Gründen” sondern mit dem “Recht auf den angestammten Heimatboden”. Sowohl inhaltlich als auch rhetorisch bedient dieses Argumentationsmuster Elemente der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie. Als 1990 mit Abschluss des Zwei-plus-Vier-Vertrages die Bundesrepublik die Oder-Neiße-Grenze anerkannte, sah sich die Landsmannschaft Ostpreußen gezwungen, ihre Ziele im Laufe der Zeit immer moderater zu formulieren. Gleichzeitig verstieß die Landsmannschaft ihre derzeitige Jugendorganisation (Gemeinschaft Junges Ostpreußen) unter anderem deswegen, weil sie die Oder-Neiße-Grenze akzeptabel fanden.

Projekte mit dem langfristigen Ziel der “Regermanisierung” nun polnischer Landstriche gehören jedoch bis heute zum Programm der Vertriebenenverbände. Dort ansässige Vereine großdeutscher Brauchtumspflege oder konkret beispielsweise deutsche Sprachkurse etc. werden finanziell und strukturell unterstützt. Im Bereich der “Pionierarbeit” hat sich besonders Dietmar Munier hervor getan. Neben seinen Tätigkeit für die “Gemeinschaft Junges Ostpreußen”,  die Jugendorganisation der  NPD (Junge Nationaldemokraten) und beim “Bund Heimattreuer Jugend”, setzte sich Munier für die Ansiedlung Russlanddeutscher im Gebiet um Kaliningrad ein.

 

Konservative, Heino und die Neonazis

Wenn Schlagersänger Heino in “Kehr ich einst zur Heimat wieder” und “Land dunkler Wälder” der verlorenen Heimat im Osten ein Loblied singt und damit eben ganz genau jene wehmütige Vertriebenenromantik bedient, der auch die Agitation der Landsmannschaft Ostpreußen entspringt, die sich aber auch in der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft wieder findet, stößt das gewöhnlich auf wenig Kritik.

Ebenso stellt es kein Problem dar, wenn Politiker*innen etablierter Parteien gleichzeitig für Vertriebenenverbände wie den Bund der Vetriebenen (BdV) arbeiten.

Selbst wenn sie durch “Entgleisungen” auffallen wie zuletzt Erika Steinbach (CDU), die im Januar 2012 auf Twitter verlauten ließ, dass sie die NSDAP für eine linke Partei hält und mit Aussagen wie “Nur die Wahrheit macht frei!” von sich reden machte.

Ähnliches gibt auch Arnulf Baring von sich, der dieses Jahr als Redner in Kassel geladen ist. 2011 posaunte er in der “Münchener Runde” des bayrischen Rundfunks heraus, dass er den Nazismus für eine linke Bewegung hält. Trotz Geschichtsrevisionismus, Leugnung der deutschen Kriegsschuld und einer Selbstinszenierung als wehrlose Opfer der als imperialistisch  umgedeuteten Alliierten, wird die Landsmannschaft Ostpreußen von hochrangigen PolitikerInnen hofiert. Der ehemalige sächsische CDU-Ministerpräsident Georg Milbradt bezeichnete die deutschen Vertriebenenverbände 2005 als „Vorreiter der europäischen Vereinigung“ und würdigte ihren Geschichtsrevisionismus als Beitrag zur Aussöhnung.

Doch es finden sich auch massenweise direkte Verbindungen in die organisierte Naziszene. So schwärmte die Landesgruppe NRW der Landsmannschaft in einem ihrer internen Rundschreiben für die NS-verherrlichenden Denkmäler auf dem privaten Anwesen Thorsten Heises, seineszeichens Multifunktionär der überregionalen Neonaziszene. Heise ist seit Jahren Mitorganisator des „Eichsfelder Heimattages“, ein Rechts-Rock Open-Air in Westthüringen, und steht auf der 2012 veröffentlichten Liste der Personen mit nachgewiesenem Kontakt zum NSU. Auch ein vermeintliches „Kultur- und Tagungszentrum“, für das die Landsmannschaft warb, entpuppte sich als Anwesen der notorischen Holocaustleugnerin Urusla Haverbeck-Wetzel. Diese trat zuletzt 2013 bei der Jacob Grimm Gedenkveranstaltung von “Die Rechte” in Spiekershausen (Landkreis Göttingen) als Rednerin auf.

Die “Junge Landsmannschaft Ostpreußen” (JLO), die mittlerweile “Junge Landsmannschaft Ostdeutschland” heißt, wurde 1991 als Nachfolgerin der “Gemeinschaft Junges Ostpreußen” gegründet. Im Jahr 2000 wurde sie von der Landsmannschaft aus Imagegründen verstoßen, da der Jugendverband selbst für ihren Geschmack zu weit ins neofaschistische Lager abgedriftet war. So war die JLO maßgeblich an der Organisation des so genannten “Trauermarsches” in Dresden, bis vor einigen Jahren einer der größten, regelmäßig stattfindenden Neonaziaufmärsche Europas, beteiligt.

Der neue Jugendverband der Landsmannschaft, der “Bund Junges Ostpreußen” (BJO) wirbt für das Deutschlandtreffen im Mai u.a. auf der Facebookseite der Identitären Bewegung(1) und tritt damit in die Fußstapfen der JLO.

 

Gedenken im europäischen Kontext

Mit ihrem fanatischen Geschichtsrevisionismus liegt die Landsmannschaft Ostpreußen allerdings voll im europäischen Trend. Auf Grundlage der Totalitarismustheorie führte das Europäische Parlament im September 2008 den “Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus” ein. Seitdem wird am 23. August, dem Datum der Unterzeichnung des der Hitler-Stalin-Pakts, den “Opfer[n] von Massendeportation und -vernichtung” gedacht.

Was allerdings durch den Versuch, sowohl die Opfer stalinistischer als auch nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in dieser Formulierung zu fassen, vollkommen verschwindet, ist die historische Singularität der Shoah. Solch schwammige Formulierungen helfen den Vertriebenen, sich in eine Reihe mit von Nazis verfolgten jüdischen Menschen zu stellen. Besonders in Deutschland ist man immer wieder bemüht, in populär- und pseudowissenschaftlichen Publikationen oder auch Guido Knopp ZDF-Fernsehfilmen die Deutschen zur Zeit des Nationalsozialismus entweder als Opfer oder gar als vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus darzustellen. So versucht auch die Landsmannschaft Ostpreußen seit Jahrzehnten das Märchen der unschuldigen Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg aus Notwehr führten, aufrecht zu erhalten und sich selbst als Opfer “alliierter Kriegstreiberei” zu gerieren.

Aufgrund des eindeutig geschichtsrevisionistischen Weltbildes der Landsmannschaft Ostpreußen und ihrer symptomatischen Verbindungen in die organisierte Naziszene halten wir es für wichtig, gegen das Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Kassel auf die Straße zu gehen.

Kommt am 18. Mai um 9:00 Uhr zur Gegenkundgebung an den Messehallen.

 

Geschichtsrevisionismus entgegentreten! 

Keine Zukunft für Ostpreußen!

Nie wieder Deutschland!

 

ostpreuszen.noblogs.org

Gruppe TASK // task.noblogs.org

 

Info und Mobilisierungsveranstaltung

am 15. Mai um 19 Uhr im DGB-Jugendclub (Spohrstr.6)

 

(1)

Mehr über die Identitäre Bewegung gibt es unter: http://task.noblogs.org/post/2014/01/15/rechte-strukturen-und-aktivitaeten-in-kassel-und-umgebung/

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